Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Dryad-Networks-CEO Carsten Brinkschulte verkauft Sensoren, die Waldbrände „riechen“, bevor sie sichtbar sind; Drohnen des Start-ups sollen Brände bereits 2028 vollautomatisch löschen. Nach drei vorangegangenen Exits will der Serienunternehmer beweisen, dass Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlicher Nutzen Hand in Hand gehen können.
In einer italienischen Gemeinde hätten Silvanet-Sensoren diesen Sommer beinahe einen Wald gerettet. Ein Jahr zuvor an den Bäumen angebracht schlugen sie rechtzeitig Alarm, als sich im August ein Schwelbrand ausbreitete; doch der Wald war schwer zugänglich, die Feuerwehr musste zwei Stunden lang auf Luftunterstützung warten – er brannte vollständig ab. „Das ist mir stark in Erinnerung geblieben, weil unser System funktioniert hat, aber der Mensch einfach zu langsam ist“, sagt Carsten Brinkschulte, CEO und Mitgründer von Dryad Networks. Die Warnung kam früh genug – gerettet hat sie den Wald trotzdem nicht.
Das Ziel des Start-ups sei es, die Umwelt zu schützen, sagt Brinkschulte. „Das geht aber nur, wenn wir wirtschaftlich erfolgreich sind.“ In der Diskussion um Umweltmaßnahmen spielt die Brandverhütung eine Nebenrolle – dabei verursachen unkontrollierte Feuer jährlich etwa 3,4 Gigatonnen CO2-Emissionen, wie Zahlen der Global Fire Emissions Database (2025) belegen. Zum Vergleich: Der globale Verkehrssektor (Straße, Schiff, Flug, Schiene) emittierte 2024 8,4 Gigatonnen CO2-Äquivalent. Allein Waldbrände verursachten 2024/25 laut dem „State of Wildfires“-Report über acht Milliarden Tonnen CO2. Eine Handvoll Unternehmen hat dieses Potenzial erkannt – zu ihnen zählt etwa das kanadische Start-up Sense Net, das Satelliten und Gassensoren kombiniert, um Waldbrände zu identifizieren, und die deutsche Initiative Evolonic, die Drohnen nutzt.
Die Sensoren von Dryad Networks werden direkt an den Bäumen befestigt und registrieren einen entstehenden Brand in einem Radius von 80 bis 100 Metern. „Internet of Trees“ nennt Brinkschulte das Netzwerk, über das die Sensoren kommunizieren: Über ein eigenes Mesh-Funknetz aus solarbetriebenen Gateways, das unabhängig vom öffentlichen Mobilfunknetz über mehrere Kilometer hinweg Daten weiterreicht, senden die Sensoren eine Warnung an zuständige Behörden. „Jedes Haus hat einen Rauchwarnmelder“, so Brinkschulte, „wieso nutzen wir dieses System nicht auch im Wald?“
Entstanden ist die Idee hinter dem Start-up im Jahr 2018. Es war das Jahr historischer Waldbrände wie des Camp Fire in Kalifornien, das 85 Todesopfer forderte und Sachschäden in Höhe von 200 Mrd. US-$ (175 Mrd. €) hinterließ – und der Beginn von „Fridays for Future“. An den Protesten beteiligte sich auch Brinkschultes Tochter. Ihn selbst beschäftigte die Frage, welchen Beitrag er für eine bessere Zukunft leisten könne. 2019 begann er, mit möglichen Mitgründern zu sprechen, 2020 gründete er Dryad Networks gemeinsam mit dem Hardwarespezialisten Marco Bönig, dem Mesh-Netzwerk-Experten Daniel Hollos, dem Forstwissenschaftler Jürgen Müller und Tech-Entrepreneur Cherian Mathew.
Satellitenbilder seien mit Silvanet-Sensoren nicht vergleichbar, da die Sensoren nicht einmal Minuten benötigten, um einen Brand identifizierbar zu machen, sagt Brinkschulte: „Deshalb sprechen wir von Ultrafrüherkennung.“ Aktuell ist die vierte Sensor-Generation am Markt. Mit den ersten Versuchen aus 2020 teilt sie die Grundausstattung: Solarzelle, Funkmodul, Gassensor und eine KI, die die Daten auswertet. Die neueste Generation misst zusätzlich Feinstaub und Kohlenmonoxid. Die größten Herausforderungen waren Temperatur- und Luftfeuchteschwankungen, erzählt der CEO – drei Jahre habe das Team an der Technik getüftelt. Herausgekommen ist ein kleines grünes Gerät, das ca. 19 mal 9 Zentimeter misst, 136 Gramm wiegt und mit Holznägeln am Baum befestigt wird.
Das Start-up beschäftigt 35 Mitarbeitende an zwei Standorten: Software, Finanzen, Marketing und Co steuert das Berliner Büro, die Hardware entwickelt Dryad Networks in einem Testwald in Eberswalde, rund 30 Zugminuten von Berlin entfernt. „Dort dürfen wir einmal pro Woche zündeln und unsere Systeme unter Realbedingungen testen“, so Brinkschulte.
Finanziert hat sich das Unternehmen bislang über eine Seed-Runde 2020 mit 1,8 Mio. € und eine Series A 2022 mit 10,5 Mio. €. Rund 3.500 Sensoren kann das Start-up nach eigenen Angaben wöchentlich produzieren; in Greifswald, fast ausschließlich mit europäischen oder US-amerikanischen Bauteilen. „Darauf haben wir geachtet, weil viele unserer Kunden staatliche Akteure sind“, so der CEO. Rund 10.000 Sensoren ließ Dryad Networks im August dieses Jahres nach Frankreich liefern. Ein Stück kostet aktuell 240 €, dazu kommt eine jährliche Servicegebühr.
Drei Kundengruppen tragen das Geschäft: Kommunen in Europa und darüber hinaus generieren rund ein Drittel des Umsatzes (die Umsatzziele des Unternehmens liegen für 2026 und 2027 bei 3,2 Mio. € bzw. 11 Mio. €), in den USA sind es vor allem Gemeinden in Waldnähe und Hausbesitzer, die sich gegen Feuerschäden nicht mehr versichern können. Die zweite Gruppe sind private Waldbesitzer, die ihre wirtschaftliche Grundlage sichern wollen, die dritte bilden Unternehmen wie Strom- und Bahntrassenbetreiber. „Da kann es einen Ast in die Stromleitungen wehen, der möglicherweise einen Kurzschluss auslöst und im darunterliegenden Gras einen Brand auslöst“, sagt Brinkschulte. Um nicht für Folgeschäden aufkommen zu müssen, beugen diese Unternehmen vor. Die Löschdrohne „Silvaguard“, die beginnende Brände vollautomatisch bekämpfen soll, wird nach Unternehmensangaben 2028 marktreif sein.
Russland, mit einem Fünftel des weltweiten Waldbestands ein naheliegender Markt, beliefert Dryad Networks nicht – EU-Sanktionen verbieten den Export von Dual-Use-Technologien wie Mobilfunk. Dass die Technologie eines Tages militärisch eingesetzt werden könnte, hält der CEO aber für unwahrscheinlich – noch hätten sie mit ihren aktuellen und anstehenden Projekten genug zu tun –; ausschließen will er es aber nicht.
Brinkschulte ist ein erfahrener Unternehmer: Vor Dryad Networks hat er mit Synchronica, Movirtu und Core Network Dynamics drei Mobilfunk-Infrastruktur-Unternehmen groß gemacht. 2004 gründete er Synchronica und baute es zu einem international tätigen Anbieter für mobile Kommunikation auf, der an Myriad verkauft wurde. Mit Movirtu entwickelte Brinkschulte eine Virtual-SIM-Technologie und führte das Unternehmen zur Übernahme durch Blackberry. Bei Core Network Dynamics, wohin Brinkschulte 2015 wechselte, positionierte er eine aus der Forschung hervorgegangene Mobilfunktechnologie für den wachsenden Markt rund um virtualisierte Netzwerke und begleitete den Verkauf des Unternehmens 2018 an den US-Konzern Twilio. Das anschließende „Vakuum“, wie er es nennt, mündete in der Gründung von Dryad Networks.
Aktuell verhandelt das Unternehmen eine neue Finanzierungsrunde: Ende Oktober soll eine Finanzspritze von rund 20 Mio. € die Löschdrohne zur Serienreife bringen. Sie hätte verhindert, dass der italienische Wald im August abbrannte, ist Brinkschulte überzeugt. Doch im Forst gibt es auch andere Gefahren: In den nächsten zwei Jahren soll die „elektronische Nase“ ein „elektronisches Ohr“ bekommen, das auf Kettensägen und Schüsse reagiert und so Wilderei und illegalen Holzeinschlag registriert. Entscheidend bleibt der technologische Vorsprung des Start-ups: „Wenn uns das gelingt, werden wir sehr stark wachsen“, sagt der CEO.
Fotos: Dryad Networks