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Marc-Alexander Christ hat die Kartenzahlung dorthin gebracht, wo sie sich früher nie gelohnt hat: zum Taxi, zum Marktstand, zum Friseur. Heute nutzen vier Millionen Geschäftskunden Sumup; bekannt geworden ist das Berliner Unternehmen mit seinem kleinen weißen Kartenleser. Doch das Unternehmen, das den Händler von den teuren Banken befreien wollte, wird zunehmend selbst ein umfassender Finanzpartner.
Man hält das Smartphone hin, wartet auf ein kurzes Piepsen – und schon ist die Rechnung beglichen. Vor gut zehn Jahren war das kleine weiße Gerät noch eine Zahlungsmethode, die man in ein paar Berliner Cafés antraf und sonst nirgends; heute liegt es beim Friseur, am Wochenmarkt oder beim Taxifahrer. Fünf Buchstaben in schlichtem Schwarz – und wer einmal darauf achtet, sieht sie überall: Sumup. Es ist die Marke, die dorthin ging, wo Kartenzahlung sich nie gelohnt hat: zum kleinsten Händler, für den jede Bank zu teuer und jeder Terminalvertrag zu kompliziert war.
Dass dieses Gerät heute so selbstverständlich dazugehört, ist die Leistung des Teams rund um die Gründer Marc-Alexander Christ und Daniel Klein. Aus einem einzigen Kartenleser wurde ein Unternehmen, das nach eigenen Angaben vier Millionen Händler bedient. Aktiv ist Sumup in über 30 Ländern, von ganz Europa über die USA bis nach Brasilien, Chile und zuletzt Mexiko. 2024 wickelte das Unternehmen weltweit über eine Milliarde Transaktionen ab – das sind im Schnitt mehr als 30 pro Sekunde. Für jede Kartenzahlung berechnet das Unternehmen in Deutschland und Österreich 1,39 % des Umsatzes.
Doch seit Apple in Europa im Oktober 2024 den NFC-Chip geöffnet hat, kann jedes iPhone selbst zum Kartenleser werden, ganz ohne Zusatzgerät. Christ hält sein Unternehmen zwar für den größten Anbieter dieser Funktion in Europa, aber wenn jede Hausbank und jeder Wettbewerber dieselbe Lösung auf demselben iPhone anbietet, verlagert sich der Kampf von der Hardware in den Preis. Am Horizont warten zudem der digitale Euro und Instant Payments – Zahlungswege, die an der Karte und damit an Sumups Provisionsbasis vorbeilaufen könnten.
Um zu verstehen, warum Christ diese Entwicklung nicht nervös macht, muss man in der Zeit zurückgehen. Aufgewachsen in Frankfurt studierte er BWL und wurde, „wie es damals fast selbstverständlich war“, Banker, erzählt Christ. Er tätigte Immobilieninvestments in den USA und kam 2006 zu J.P. Morgan in die Immobilienverbriefung; jenes Geschäft, das kurz darauf die Weltwirtschaft in den Abgrund riss. Als Lehman Brothers pleiteging, war seine Branche über Nacht verschwunden. „Die gesamte Industrie, alles, was ich gelernt hatte, gab es praktisch kaum noch“, erzählt er. Christ gönnte sich erst einmal eine Auszeit und kam danach zufällig in Kontakt mit dem Berliner Start-up-Ökosystem. Sein erster Weg führte ihn 2010 als Head of Sales zur Online-Rabattplattform Citydeal, die vier Monate nach seinem Start an den globalen Konkurrenten Groupon verkauft wurde. „Daraufhin hatte ich das Gefühl, dass alles im Internet immer so läuft“, sagt Christ und lacht.
2010 baute er Miosato, eine Onlineplattform für junge Designer. Nach weniger als hundert verkauften Kleidungsstücken in eineinhalb Jahren zog er den Schlussstrich: „Da war es relativ offensichtlich, dass es einfach keinen Markt gibt“, sagt er heute nüchtern. „Wir hatten eine unbekannte Plattform, unbekannte Designer und dafür sehr teure Sachen.“
Heute sind wir in diesem Nischensegment der Marktstandard.
Marc-Alexander Christ
Ende 2011 lief Christ seinem Mitgründer Daniel Klein, dem heutigen CEO, in die Arme, der eine neue Idee hatte: kleinen Händlern die Kartenzahlung ermöglichen. Was banal klingt, war damals ein echtes Problem – wer Karten akzeptieren wollte, musste sich einem Apparat unterwerfen, der auf große Umsätze ausgelegt war. Jeder Händler wurde manuell geprüft und identifiziert, dazu kamen Verträge für ein Bezahlterminal, Grundgebühren und Mindestlaufzeiten. Für den, der viel verkaufte, ging die Rechnung auf; für den kleinsten Händler war sie oft das Ticket in die Insolvenz. „Ein Taxifahrer machte damals zum Beispiel 700 € Umsatz und zahlte davon 70 € für die Kartenzahlung“, sagt Christ. „Wenn 10 % seiner Umsätze dafür weggehen, will er klarerweise keine Kartenzahlung annehmen.“ Sumups Antwort war, den ganzen Aufwand über Technologie zu lösen: Anmeldung, Vertrieb und Betreuung liefen automatisch, sodass jeder neue Händler das Unternehmen kaum noch etwas kostete. „Mit Sumup reduzieren sich die Kosten um den Faktor zehn bei gleichem Umsatz“, sagt Christ.
Leicht war der Weg zum perfekten Kartenlesegerät dennoch nicht. Das erste Produkt war schwarz, hatte einen Audiostecker und funktionierte wie eine Faxmaschine: Es las die Kartennummer aus und übersetzte sie in ein Tonsignal, das die App wieder entschlüsselte. Mit Mastercard klappte das einigermaßen, Visa aber verlangte eine PIN, die sich am Gerät nirgends eintippen ließ. Zweieinhalb Jahre vergingen mit reiner Produktentwicklung. Generell muss jeder Kartenleser gesetzlich mehrere Zertifizierungen durchlaufen, jede in einem externen Labor, Termine gibt es nur alle drei Monate. „Dann machen die 40 Test Cases, du kommst durch 38 durch, und wenn beim Herausziehen der Karte die Fehlermeldung nicht stimmt, kannst du wieder nach Hause gehen“, erzählt Christ. Erst 2014 kam der erste Kartenleser mit PIN-Eingabe auf den Markt.
Dann ging es schnell. Sumup nahm insgesamt rund 1,5 Mrd. € Kapital auf und holte Schwergewichte wie Bain Capital, Blackrock und Goldman Sachs an Bord. „Als wir angefangen haben, sind wir mit etwa 20 Wettbewerbern gestartet, aber die sind alle über die Zeit gestorben oder wir haben den einen oder anderen gekauft“, sagt Christ. So übernahm Sumup Konkurrenten wie Payleven und Tiller. Zwischen 2016 und 2021 folgte eine Phase des Wachstums um jeden Preis – Cash-Burning, wie Christ es nennt –, bis Investoren plötzlich Profitabilität verlangten. „Wir bauen unser Produkt eigentlich nach den Finanzmärkten“, sagt Christ. Man könne selbst entscheiden, wie profitabel man sei; je mehr man ins Wachstum stecke, desto weniger bleibe übrig.
Wer Christ heute nach seinem Geschäft fragt, hört längst nicht mehr nur von dem weißen Gerät. Aus dem Kartenlesegerät sind vier Geschäftsbereiche geworden; dazu kamen größere Terminals für den Ladentisch, QR-Codes zum Abscannen und Zahlungslinks, mit denen ein Händler eine Rechnung per SMS oder E-Mail verschicken kann. Es folgte eine Software für Händler, die ein Kassensystem, einen Onlineshop, Rechnungserstellung und seit einem Jahr sogar Terminbuchungen bietet. Dazu kam eine eigene Geschäftsbank, bei der Händler auf Knopfdruck einen Kredit bekommen, weil Sumup aus ihren Umsätzen längst weiß, ob sie ihn zurückzahlen können. Dieser Vorgang würde bei anderen Banken eine lange Prozesskette bedeuten, erklärt Christ.
Ganz neu drängt Sumup mit einer Art Neobank samt Cashback beim Händler nebenan auch zum Endkunden. Neu ist dieser Schritt nur auf den ersten Blick: Schon im Pitchdeck von 2012 seien zwei große Kreise nebeneinandergestanden, erzählt Christ; der eine für den Händler, der andere für den Konsumenten. Nur rieten die Investoren früh zur Bescheidenheit, denn „ein zweites SAP baue man nicht über Nacht“, erinnert sich der Gründer zurück. Also konzentrierte sich Sumup zunächst auf die Kartenzahlung, bis nach acht Jahren Stück für Stück die übrigen Händlerprodukte – und ganz zuletzt der Endkunde – dazukamen.
Den größten Teil des Geschäfts macht heute noch immer die Kartenzahlung aus, doch die anderen drei Bereiche würden schneller wachsen, so der Unternehmer. Konkrete Umsatzzahlen oder die prozentuale Verteilung auf die Geschäftsbereiche nennt Sumup nicht. Das Unternehmen bestätigt lediglich, dass es profitabel arbeitet. „Wo wir hinwollen, ist, dass du dich selbstständig machst und sagst: ‚Ich brauche Sumup, damit mein Business läuft‘“, sagt Christ. Wer Terminal, Konto, Kredit und Kasse an einem Ort habe, würde nicht mehr so leicht wechseln.
Ob diese Wette aufgeht, hängt auch davon ab, wie schnell der Handel überhaupt digital wird. Das Bezahlverhalten verändert sich – aber langsamer, als es die Debatte glauben macht. Laut der jüngsten Unternehmensbefragung der Europäischen Zentralbank vom August 2026 akzeptieren 92 % der Betriebe mit Ladengeschäft im Euroraum weiterhin Bargeld, etwas mehr als zwei Jahre zuvor. Es bleibt damit das am breitesten akzeptierte Zahlungsmittel überhaupt; die Kartenakzeptanz liegt stabil bei 88 %. Sprunghaft gestiegen ist allein die Akzeptanz mobiler Zahlungen, von 36 auf 68 % der Betriebe binnen zwei Jahren, und ein Viertel stellt inzwischen aktiv auf digitales Bezahlen um. Der Markt bewegt sich in Sumups Richtung – aber nur langsam.
Denn die Zuneigung zum Bargeld ist kein österreichisches Sondermerkmal, sondern eines des gesamten deutschsprachigen Raums. In Österreich wollen laut Nationalbank 94 % nicht auf Bargeld verzichten, in Deutschland wollen 93 % laut Bundesbank zumindest die Wahl behalten, ob sie bar oder digital zahlen. Am deutlichsten zeigt sich der Widerspruch in der Schweiz: Dort ist der Bargeldanteil an den Zahlungen seit 2017 von über 70 % auf rund 30 % gefallen – und doch wollen laut Schweizerischer Nationalbank 95 % der Bevölkerung am Bargeld festhalten, nur 2 % wären für seine Abschaffung. Erst unter den unter 50-Jährigen zeigt sich ein Gegentrend: Sie zahlen mehrheitlich elektronisch.
Sumup lebt genau davon und muss zugleich gegen eine kulturelle Beharrung arbeiten. Christ sieht das gelassen – der Trend gehe überall in dieselbe Richtung, mal schneller, mal langsamer. Entscheidend sei die übergeordnete Entwicklung hin zu digitalen Zahlungen. „Ein starker Wind lässt auch einen Truthahn fliegen“, zitiert er einen Satz aus der Branche.
„Heute sind wir in diesem Nischensegment – diese unter 100.000 Umsatzvolumen pro Händler – der Marktstandard“, sagt Christ. Ganz konkurrenzlos ist Sumup jedoch nicht: Zettle wurde 2011 in Stockholm gegründet und 2018 für 2,2 Mrd. US-$ an Paypal verkauft. Zu diesem Zeitpunkt zählte das Unternehmen rund eine halbe Million Händler in Europa und Lateinamerika. Auch Zettle bietet Kartenleser, ein Kassensystem und eine Finanzierungsoption. Aus Wien kommt mit Ready 2 Order ein Mitbewerber, der mit einem Kassensystem begann und später Zahlungsgeräte ins Sortiment aufnahm. Seit 2023 gehört es dem italienischen IT-Unternehmen Zucchetti – zum Zeitpunkt der Übernahme hatte Ready 2 Order rund 10.000 Kunden. Sumup ist aktuell in über 30 Ländern aktiv und beschäftigt rund 3.000 Menschen.
Ein Thema meidet Christ: den möglichen Börsengang, über den in Medien seit Monaten geschrieben wird. „Wir äußern uns nicht zu Spekulationen über einen Börsengang“, sagt er. Was Christ heute treibt, klingt ohnehin eher nach Aufbau: Innerhalb von Sumup gründet er immer wieder Teams von fünf bis acht Leuten – „Long Shots“ nennt er sie –, die auf einer Spielwiese ein Produkt bauen dürfen, bevor es ins Hauptgeschäft wandert. So entstanden die Bank, das Endkundengeschäft und die Buchungsplattform. „Langweilig wird es nicht“, sagt Christ – nach 14 Jahren im selben Unternehmen denkt er keine Sekunde ans Aufhören.
Wie sehr Christ an seinem Unternehmen hängt, zeigt sich auch daran, dass er bis heute selbst anpackt. Er prüft nach wie vor persönlich, wie die Sumup-Produkte ankommen. Und wenn er in einem Café bezahlt, in dem noch nicht über Sumup abgerechnet wird, verlässt seine Freundin vorsichtshalber den Raum, weil aus dem Bezahlen schnell ein Verkaufsgespräch wird, wie er erzählt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Sumup überall zu finden ist.
Fotos: Franz Grünewald