Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Janos Körtge leitet das Start-up-Programm bei Dell Technologies Deutschland und arbeitet täglich mit Gründerinnen und Gründern zusammen, die künstliche Intelligenz zum Kern ihres Geschäfts machen wollen. Was er ihnen als Erstes empfiehlt: KI aus der Gleichung zu streichen.
Die Wände haben noch keine Farbe, Kabel liegen blank auf dem Betonboden, und wo in ein paar Monaten Hunderte Mitarbeiter arbeiten werden, eilen noch Handwerker und Bauarbeiter umher. Für Janos Körtge, Leiter des Start-up-Programms bei Dell Technologies Deutschland, sind das die schönsten Außendiensttermine, erzählt er im Interview mit Forbes.
Körtge begleitet Unternehmen bereits früh in der Planung der IT-Infrastruktur – denn nur, wenn das Fundament aus einer funktionierenden Dateninfrastruktur steht, kann man damit erfolgreich arbeiten. Kommt ein Start-up mit einer KI-Idee zu ihm, geht er einen Schritt zurück: „Ich streiche erst mal die KI aus der Gleichung“, sagt er. „Würde das Produkt auch ohne funktionieren? Was wollt ihr eigentlich erreichen?“
Seit 2024 ist Körtge in dieser Rolle in engem Austausch mit einer Vielzahl von Gründerinnen und Gründern. „Wir sind eine Mischung aus Accelerator, Inkubator, Hub und Guide für Start-ups“, fasst er zusammen. Dabei möchte man „bei allen Themen, die IT betreffen, mit dem Programm helfen – das müssen nicht nur KI und neue Server sein“. Dabei hilft auch das hauseigene Mentorenprogramm. Dell war vor 42 Jahren selbst ein Start-up – das versucht man auch noch als Konzern in der DNA zu erhalten.
Körtge hat inzwischen schon zehn Jahre Erfahrung im Konzern gesammelt. 2016 startete er als Werkstudent in Halle an der Saale, wo Dell seinen größten deutschen Standort betreibt. Körtge studierte in der Stadt, Vertrieb und IT lagen ihm. 2018, gegen Ende des Studiums, folgte eine Festanstellung. Danach durchlief er verschiedene Positionen im Unternehmen: von kleinen Kunden über den Mittelstand bis zu Großkunden.
Als Corona die Außendienstler vorerst an den Schreibtisch zurückholte, nutzte Körtge die Zeit, gründete selbst eine Firma und beschäftigte sich damit, wie Start-ups denken; warum sie nicht warten können und was Konzernstrukturen für sie bedeuten. „Ich spiele ganz oft Dolmetscher zwischen Start-up und Corporate“, sagt er über seine aktuelle Rolle. Beschließt ein Start-up heute etwas, ist es morgen umgesetzt – in vielen Konzernen erstellt man ein Ticket, zwei Wochen später schaut jemand drauf, dreht einige Feedbackschleifen; und nach fünf Wochen gibt es vielleicht eine Rückmeldung.
Der Werkzeugkasten, mit dem Körtge Start-ups unterstützen kann, ist groß. Was Dell von anderen Hardwareherstellern abhebt, ist die Nähe zur KI-Entwicklung, unter anderem über eine Kooperation mit Nvidia. Was das praktisch heißt, zeigt die AI Factory in München: Dort lässt Körtge Gründer auf performanter Hardware ausprobieren, was maximal möglich ist – für junge Teams mit kleinem Budget eine wertvolle Erfahrung, die sich auch remote nutzen lässt. Dazu kommen Server- und Storage-Lösungen mit eingebauten KI-Funktionen, die Daten direkt vor Ort auswerten. Andere IT-Hersteller, sagt Körtge, gehen aktuell gar nicht so individuell auf Start-ups ein.
Man kann kein interessantes Produkt machen, nur weil man KI darüberlegt.
Janos Körtge
Bei aller Nähe zur Technik rät Körtge den meisten Gründern zunächst zu Geduld. In „AI Beyond the Hype“-Workshops dreht er die Reihenfolge um: Erfülle ich einen echten Bedarf am Markt – oder finde nur ich selbst meine Idee großartig? Wer scheitert, sagt Körtge, scheitert meist an dieser Frage, lange bevor die KI ins Spiel kommt. Körtge: „Man kann aus einem Produkt, das niemanden interessiert, kein interessantes Produkt machen, nur weil man KI darüberlegt.“ Für Teams, die ein reales Problem lösen, sei sie dafür ein starkes Werkzeug: Sie spart Zeit, senkt Kosten und nimmt Mitarbeitern wiederkehrende Aufgaben ab.
Das eigentliche Nadelöhr beim KI-Einsatz liegt für Körtge ohnehin woanders – bei den Daten. Bevor Dell tiefer mit einem Start-up arbeitet, geht das Team den Datenbestand von A bis Z durch, bis er vollständig, sauber und geordnet ist. Das kann manchmal Monate dauern. „Wenn in deiner Datenbank steht, dass eins und eins drei ist, dann wird das für immer auch für die KI die Logik sein“, sagt Körtge. Kein Rechenzentrum der Welt korrigiert diesen Fehler. Erst kommen die Daten, dann die performante Hardware – dann weiterführende Themen wie Agentic AI, die Dell intern bereits intensiv einsetzt.
Am Anfang rät Körtge den meisten Unternehmen zu Cloud-Lösungen – mit günstigen Lizenzmodellen ist der Einstieg leicht. Mit wachsendem Workload steigen die Kosten, und spätestens wenn Endkunden fragen, ob ihre Daten auf Servern im Ausland liegen, lohnt sich der Gedanke an eine Hybridlösung. In der aktuellen geopolitischen Lage, sagt Körtge, sei das für viele Kunden längst auch eine moralische Frage geworden.
In der Frühphase verkauft Dell den Start-ups häufig nichts – stattdessen steht man mit Beratung, Netzwerk, Masterclasses und der AI Factory als Partner zur Seite, ohne dass Kosten anfallen. „Mein großer Wunsch ist, dass die Start-ups wissen: Ich kann zu Janos kommen, wenn ich IT-Fragen habe – ohne etwas kaufen zu müssen“, sagt Körtge. Und genau deshalb kommen sie wieder – beim Einzug ins erste eigene Bürogebäude, beim Wechsel von der Cloud auf eigene Server. Dann steht Körtge wieder auf einer Baustelle und begleitet die Planung der IT-Infrastruktur. •
Foto: Robert Rieger