Zwischen den Reben

Tamara Kögl ist auf dem Weingut ihrer Eltern in Ratsch an der südsteirischen Weinstraße aufgewachsen. Mit 25 Jahren hat sie den Betrieb übernommen und weiter ausgebaut. Das habe sie eingefordert, sagt sie.

„Es geht beim Weinbau stark um Selbstverwirklichung“, sagt Tamara Kögl. Das „Mittelfeld“ könne nicht der Maßstab sein, so die Weinbäuerin. Sie gehöre zu dieser nächsten Generation in ­Familienunternehmen, die es besser machen und ihre Grenzen ausloten will. Es ist ein schöner Sommertag, als wir in Ratsch an der südsteirischen Weinstraße ankommen, um die Chefin des Weinguts Kögl zum Gespräch zu treffen. Rund um uns breitet sich eine Landschaft aus, die weithin für ihre Schönheit, ihr mildes Klima und nicht zuletzt ihren hervorragenden Wein bekannt ist. Die Weinstraße – über sie führte uns auch der Weg zum Weingut selbst – war vor 63 Jahren der erste asphaltierte Weg der Region, beginnt Kögl aus der Geschichte der Gegend zu erzählen. Bei starkem Regen versanken früher alle mit den Füßen im Schlamm, weshalb die von der Industrie profitierenden Obersteirer die Südsteirer „Gatschhupfer“ nannten. Von den rundum akkurat gepflegten Weingärten, so wie sie sich heute dem staunenden Betrachter präsentieren, war vor 30, 40 Jahren noch nichts zu sehen – „das war großteils Weide­land“, so Kögl weiter. Der heute herrschende Wohlstand sollte erst später kommen.

Tamara Kögl
…wurde am 31. Juli 1984 geboren und ist am Weingut Kögl aufgewachsen. Früher im Nebenerwerb geführt, machten Kögls Eltern den Weinbau im Jahr 2000 zu ihrem Haupterwerb. 2010 wurde die Buschenschank eröffnet, 2012 übernahm Tochter Tamara den Betrieb offiziell. 2014 wurde auf Bio-Weinbau umgestellt.

Auch Kögls Eltern führten den heute ganz auf Weinbau abgestellten Betrieb zunächst noch im Neben­erwerb: „Viele in der Gegend waren damals Selbstversorger. Auch wir hatten bis zum Jahr 1993 Schweine und Kühe. Dann beschlossen meine Eltern, selbst Wein zu machen, und wir haben unsere Trauben an das benachbarte Weingut Tement verkauft.“ Die Weinbauexpertise lag zu Beginn bei Tamara Kögls Mutter. Ihr Vater war damals noch im Tunnelbau beschäftigt, absolvierte später eine Ausbildung zum Schlosser und sollte fortan als Tankbauer in ganz Österreich und dort vorwiegend bei Winzern tätig sein. Im Jahr 2000 stellten Kögls Eltern mit dem Zubau von Gästezimmern in den Haupterwerb um.

Es ist elf Uhr vormittags, als ein paar Kunden am Weingut eintrudeln, um ihre bestellten Weinvorräte in ihre Autos zu packen. Die Sonne scheint und der Wind hebt die über den Tischen der Buschenschank gespannten Segel immer wieder hoch. Die Rosenbüsche stehen in voller Blüte, die Äste des Weinbergpfirsichbaumes hängen voller reifer Früchte. Ein Bild, das fast ins Surreale kippt, als ein kleiner, schneeweißer Langhaarangorahase um die Ecke kommt. „Wir haben ihn vor längerer Zeit aus dem Käfig gelassen und seither bewegt er sich rund ums Haus“, erzählt Kögl, die sich einen Pfirsich vom Baum pflückt, um herzhaft in die Frucht zu beißen. In nur wenigen Wochen erwarten sie und ihr Mann das erste Kind. Es wird, so wie Tamara Kögl, am Weingut aufwachsen.

Die Familie der heute 34-Jährigen lebt bereits in dritter Generation auf diesem Gut, das von Weingärten am Steilhang gesäumt wird. 300 Jahre ist das Haupthaus – die heutige Buschenschank – alt; es wurde vor vielen Jahren von den Großeltern erworben. Kögl selbst hat nach einer ersten Ausbildung in Graz – eine HBLA für Fremdsprachen und Wirtschaft – die Weinbauschule Silberberg in Leibniz als College abgeschlossen und ein Praktikum im Weingut Franz Hirtz­berger in der Wachau absolviert.

Ich bin jeden Schritt gegangen, weil ich davon überzeugt war, dass es richtig und wichtig ist, was ich tue.

Kögls Weg war vorgegeben, denn sie wollte den elterlichen Betrieb übernehmen. 2008 war sie das erste Jahr im elterlichen Weinbaubetrieb tätig; hauptverantwortlicher Weinproduzent war damals noch Kögls Vater. Im darauf folgenden Jahr eröffnete Tamara Kögl die Buschenschank, die es davor noch nicht gab, um 2010 Zug um Zug den Weinbau zu übernehmen. 2012 war die Übernahme amtlich. „Hätte ich nicht das Gefühl gehabt, etwas anpacken, bewegen und Verantwortung übernehmen zu können, wäre ich nicht in den elterlichen Betrieb zurückgekehrt“, sagt Kögl heute. „Ich habe das schon eingefordert.“ Sie wollte die Unternehmung mit damals 25 Jahren übernehmen und hat klargemacht: „Mit 30 übernehme ich nicht mehr.“ So wären nämlich die Jahre ins Land gezogen und vieles möglicherweise unverändert geblieben. Kögl zu ihrem damaligen ­Entschluss: „Es hatte sicher auch damit zu tun, dass ich Freunde habe, die schon sehr renommierte Betriebe im Hintergrund hatten, dass ich das Potenzial erkannt habe und es auch nutzen wollte. Ich hatte einfach das Gefühl, dass die Zeit dafür reif ist.“

Doch einfach war das alles nicht. „Ich kenne kaum Betriebe, in denen die Übergabe von einer Generation an die nächste ohne Reibung vonstattenging.“ Ganze drei Jahre habe es gedauert, „bis sich bei uns alles wieder eingependelt hatte“. Verwundert sei sie darüber nicht, schließlich werde ja die Hierarchie in einem Betrieb komplett umgestellt, sagt sie. „Die nachfolgende Generation hat die Aufgabe, bestimmte Dinge zu hinterfragen und zu evaluieren und sich zu fragen, ob man so weitermacht wie bisher – oder ob man etwas verändert, und was. Das wird von der vorangegangenen Generation oft als persönliche Kritik aufgefasst, obwohl man das selbst gar nicht so meint“, so die Weinbäuerin. Schließlich gehe man einfach seinen Weg – und ja, oft finde man dabei auch nicht immer die richtigen Worte. „Es gab durchaus Situationen, wo wir – mein Vater und ich – Gesicht an Gesicht lautstarke Streitereien im Keller geführt haben. Aber da muss man durch. Und ich muss sagen, dass ich auch Fehlentscheidungen getroffen habe, wo mein Vater definitiv recht gehabt hätte. Aber auch das muss sein.“ Anders als in nicht familiengeführten Betrieben gebe es hier nun mal Befindlichkeiten und natürlich auch immer eine Vorgeschichte, so Kögl weiter. Und bei allen Konflikten, die man ausfechten müsse, könne man gleichzeitig auch nicht auf die Arbeitskraft der Älteren verzichten. „In einem Betrieb wie unserem ist mit jedem Handgriff geholfen.“

Heute fühle sie den Stolz der Eltern sehr wohl, auch, wenn sie sich vielleicht nicht immer sicher waren, ob das alles für ihre Tochter so funktionieren würde. Und Kögl selbst? „Ich habe mich nie – wie das vielleicht bei klassischen Managementjobs der Fall ist – zwischen 20 Männern durchsetzen müssen. Es war klar, dass ich den Betrieb meiner Eltern übernehmen darf. Doch die Generationenfrage ist eine Herausforderung. Dennoch bin ich jeden Schritt gegangen, weil ich davon überzeugt war, dass es richtig und wichtig ist, was ich tue.“

Sukzessive wuchs die ursprünglich zwei Hektar große Weinbau­fläche auf heute zehn Hektar an. Der Jahresumsatz liegt bei knapp unter 400.000 €. Ein wesentlicher Schritt zu steigender Qualität war die Umstellung auf den biologischen Weinbau im Jahr 2014. „Wir haben das nicht allein aus sozial-ökologischen Gründen getan, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass dieser Schritt für mehr Sorgsamkeit in der Traubenproduktion wichtig ist.“ Das Grundprodukt sei schließlich ausschlaggebend für das Endprodukt. Bestimmend für den Bio-Anbau seien viel Handarbeit (auch wegen der Steillage), geringe Ernteerträge und eine möglichst hohe Qualität in der Traube. Im Zehn-Jahres-Durchschnitt liegt der Ernteertrag am Weingut Kögl bei 4.500 Kilo Trauben pro Hektar. „Das ist nicht viel“, sagt Kögl. Für Qualitäts­wein erlaubt wären rund 9.700 Kilo pro Hektar. Kurzum bedeutet das viel Zeit im Weingarten – zur Vorsorge, „weil wir im Bio-Weinbau im Nachhinein nicht kurativ einwirken“. Ist die Traube also im Fass, kann es „nur noch schlechter werden“, grinst Kögl. „Da kann ich diese Basis nur noch bewahren und das Beste daraus machen. Aus einer schlechten Traube kann ich keinen guten Wein machen.“

Dieses Jahr sei herausfordernd gewesen, so die Winzerin. Zwar sei das „Klima zwischen den Welten – das Mediterrane aus dem Süden und die kühle Luft aus den Alpen“ – perfekt für den Weißwein, manchmal bleiben dann aber doch Wolken hängen, so Kögl. „Und dann regnet es ganz kurz und gleich danach ist es wieder warm.“ 2018 kam dies sehr häufig vor – leider eine optimale Grundlage für Pilzkrankheiten, die es zu vermeiden gilt. Kögl: „Wenn der Pilz da ist, bin ich zu spät dran.“

Angebaut werden Welschriesling – „als klassische Sorte der Steiermark“–, Weißburgunder, Muskateller und Sauvignon; wobei Sauvignon wegen seiner internatio­nalen Vergleichbarkeit die wichtigste Sorte für die Weinbauern und die Region gleichermaßen ist. Kögl: „Wir bauen drei verschiedene Sauvignons an – in der klassischen Linie, bei den Ortsweinen und bei den Lagenweinen.“ Für die Weinbauern sei das insofern spannend, als damit auch versucht wird, die Herkunft zu transportieren. „Sauvignon wächst auf der ganzen Welt, aber mein Sauvignon soll so schmecken, dass man weiß, dass er nur hier gewachsen sein kann. Das ist auch die Herausforderung, dass man die Sorten nicht als erste Präferenz, sondern als Werkzeug verwendet.“

Der Weinkeller ist in einem Gewölbe des Haupthauses untergebracht. „Er ist mittelgroß“, beschreibt ihn Kögl selbst, „als Arbeitskeller reicht er völlig aus.“ Irgendwann aber wäre ein Zubau schön, sagt sie, um das Gewölbe zu renovieren und für Veranstaltungen zu nutzen. „Eigentlich ist er zu schön, um dort nur Wein abzufüllen und ihn zu lagern.“

Der diesjährige Jahrgang wird im Weingut Kögl frühestens im Februar abgefüllt, während andere es eiliger damit haben und bereits im November/Dezember damit beginnen. „Wir nehmen uns hier ein wenig aus diesem Spiel der Marktverdrängung raus“, bleibt Kögl gelassen. „Wir füllen später ab und sind dafür später abverkauft. Man muss das den Leuten aber auch erklären.“ Dies sei aber recht einfach machbar, da Kögls Weine nicht im Lebensmitteleinzelhandel erhältlich sind und sich die Kunden ihre Flaschen persönlich abholen – „und genau das auch schätzen“.

Ab November sperrt die Buschenschank zu und die Winterpause beginnt. Der Übergang bis in den Herbst wird dann auch, wenn das Baby da ist, von Tamara Kögls Mann Robert mitgestaltet. Der gelernte Elektrotechniker hat, so die Winzerin, „in der Zwischenzeit die Weinschule auch als College nachgeholt und ist ab Oktober fix im Betrieb“.

Offenbar war es nicht schwer, ihren Mann vom Einstieg in den Familienbetrieb zu überzeugen. Kögl: „Als Weinbauer hat man es nicht so schwer, jemanden für den Beruf zu begeistern. Der Weingarten ist schon sehr romantisch. Mit diesem Ort und dem Keller voller Wein hat man schon zwei gute Argumente“, lacht sie. „Aber es war immer klar: Es gibt mich nur im Gesamtpaket. Ich hätte das Weingut nie verlassen.“

Dieser Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2018 „Women“ erschienen.

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Chief Editorial Team

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