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Milliarden von Nachrichten und Codes: Ketevani Zaridze, Gründerin und CEO des Technologieunternehmens Logmind, will brachliegende Logdateien in wertvolle Erkenntnisse für Unternehmen verwandeln.

Hätte man Ketevani Zaridze vor fünf Jahren gefragt, welche ihre Traumfirma gewesen wäre, hätte sie nicht gezögert, zu antworten: Google. Heute ähnelt ihr Arbeitsplatz jedoch nicht einem Büro bei einem Tech-Giganten, der mit Sitzsäcken, Tischtennisplatten und Softwareingenieu­ren ausgestattet ist – stattdessen ist es ein bescheidener Raum, eingebettet in das Innovation Lab der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) in der Schweiz. Von hier aus betreibt Zaridze die Big-Data-Analytics-Plattform Logmind. „Ich habe nie daran gedacht, mein eigenes ­Unternehmen zu gründen“, erklärt sie von ihrem Zuhause in Lausanne aus. „Ich war nicht wirklich begeistert davon, weil ich eigentlich nie ­etwas damit zu tun hatte.“

Vielmehr beschäftigte sich die gebürtige Georgierin mit ­allem, was unter den Begriff Data ­Science fällt: Machine Learning, Deep ­Learning oder Datenanalyse. Inmitten der Komplexität von Daten und Codes fühlt sich Zaridze zu Hause. „Ich bin total begeistert von Automatisierung und smarten Tools in der IT“, sagt sie. „Es gibt viele Tools und Prozesse, die aus den vergangenen Jahrzehnten stammen, und ich denke, das braucht mehr Innovation und Disruption.“ Zaridzes Start-up Logmind ist nur eine logische ­Erweiterung dieser Leidenschaft: Die Plattform versucht, Gigabytes an Logdateien zu sichten und sinnvolle Erkenntnisse für große Organisationen daraus zu extrahieren. Im Wesentlichen versucht ­Zaridze, Log­dateien „sympathischer, inte­ressanter und auf unterhaltsame
Art verständlich“ zu machen.

Für den Durchschnitts­menschen mögen Logdateien wie eine andere Sprache erscheinen, die einem unendlichen und komplexen Labyrinth aus Text und Zahlen ähnelt. Für viele IT-Teams sind sie jedoch entscheidend, um alles vom Kundenverhalten über technische Störungen bis hin zu sensiblen Informationen zu verfolgen. Um ein besseres Bild davon zu bekommen, wie kritisch Logdateien sind: 2018 beschuldigte Qualcomm Apple, auf seine Logdateien zuzugreifen und Informationen an Intel-Ingenieure weiterzugeben. Und 2019 ­entdeckte die britische Digitalbank ­Monzo, dass einige PIN-Nummern von ­Kunden in Logdateien gespeichert waren, auf die ihre Ingenieure zugreifen konnten – Millionen Kunden wurden daraufhin aufgefordert, ihre PINs zu ändern.

„Logs sind im Grunde Daten, die erzeugt werden, wenn Menschen mit ihren Apps oder ihren Smartphones interagieren“, erklärt Zaridze. „Während dieser Interaktionen werden eine Menge unstrukturierte Echtzeitdaten produziert.“ Auf Unternehmensebene bedeutet dies Milliarden von ­Lognachrichten. „Das stellt IT-Abteilungen normalerweise aufgrund der Menge der Daten und der Beschaffenheit von Logdateien vor große Herausforderungen, da diese nicht leicht zu verstehen und zu analysieren sind“, sagt Zaridze. Ein häufiges ­Szenario ist etwa, dass sich ein Benutzer nicht in ein System einloggen kann – er informiert die IT-Abteilung, die dann die Logdateien durchforstet und alle auftretenden Probleme behebt; ein Prozess, der je nach Komplexität des Problems bis zu einige Tage dauern kann.

Die cloudbasierte Lösung von Logmind zielt darauf ab, einen Teil dieses Drucks zu lindern, indem sie Probleme automatisch aufgrund der Logdateien erkennt und Lösungen vorschlägt. Das mache nicht nur das ­Leben von IT-Abteilungen einfacher, sondern steigere auch den Wert der gesamten Kundenerfahrung, so ­Zaridze.

Als studierte Informatikerin weiß Ketevani Zaridze um die Schwierigkeiten mit Logdateien – mit Logmind bietet sie eine kluge Lösung an.

Seit der Gründung Ende 2018 hat das achtköpfige Team mittel­große bis große Schweizer Unternehmen aus den Bereichen Konsumgüter, Informationstechnologie und Gesundheitswesen gewonnen. „Für kleinere Unternehmen mag der derzeitige konventionelle Ansatz der Logdateienanalyse ausreichend sein. Aber in größeren ­Unternehmen ist die ­Komplexität der IT-­Systeme viel höher, die ­Dinge werden unübersichtlich und es besteht ein echter Bedarf an fortschrittlicherer Automatisierung, um Pro­bleme mit Logdateien zu erkennen und zu verstehen“, erklärt ­Zaridze. Ihr Geschäft basiert auf Abonnements, bei denen die Kunden auf monatlicher oder jährlicher Basis zahlen, je nach Menge der verarbeiteten Log­dateien.

Während Logdateien nor­ma­ler­weise im Hintergrund stehen, sind sie in Zaridzes Berufsleben von zentraler Bedeutung. Bereits ihre Masterarbeit bei der IT-­Sicherheitsfirma Open Systems in Zürich beschäftigte sich mit dem Thema: „­Damals habe ich mich damit beschäftigt, Log­dateien zu analysieren und Ausreißer und Anomalien zu finden“, schildert Zaridze. Nach ­ihrem Masterabschluss in Informatik an der EPFL im Jahr 2017 ergatterte Zaridze ein Praktikum bei der Europäischen ­Organisation für Kernforschung (CERN), wo sie als Sicherheitsingenieurin erneut mit Logdateien zu tun hatte. „Wann ­immer wir einen Sicherheitsvorfall oder ein Problem hatten, mussten wir tief in diesen Logdateien graben“, erzählt Zaridze.

Ketevani Zaridze
...absolvierte ihren Master in Informatik an der EPFL. Danach war sie kurzzeitig bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) als Sicherheitsingenieurin tätig, bevor sie 2018 mit Logmind ihr eigenes Technologieunternehmen gründete.

Zu diesem Zeitpunkt begann sie, die Grenzen bestehender Log-Analysetools zu erkennen, sodass sie schließlich ihre eigenen manuellen Skripts schrieb und im Anschluss an ihre Tätigkeit die Idee zu Logmind entwickelte. „Ich ­kannte mich mit Software Engineering und Data Science aus“, so ­Zaridze. „Aber all diese Fähigkeiten, die man braucht, um ein Unternehmen zu gründen, ein Geschäft ­aufzubauen, Markt­forschung zu betreiben, rauszugehen und mit den Kunden zu sprechen – davon hatte ich keine Ahnung.“ Die 29-Jährige aus ­Tiflis erinnert sich an ihr erstes Pitch-Deck, das, wie sie sagt, mit Text und unnützen Informationen ­überladen war. „Am Anfang war es eine Kata­strophe“, lacht sie. „Zu Beginn weiß man nicht, welche Fragen man stellen muss und wie man seine Lösungen präsentieren soll. Ich habe viele Fehler gemacht, weil ich nicht wusste, wie ich auf sie (­Führungskräfte und potenzielle Kunden; Anm.) zugehen, wie ich mit ihnen reden und wie ich das Produkt im ­Grunde verkaufen sollte.“ Das Ausprobieren scheint sich gelohnt zu haben: Seit der Gründung 2018 hat das Start-up immer wieder Fördergelder von Venture Kick sowie dem Kanton Waadt erhalten. Zuletzt ­sicherte es sich rund 200.000 CHF von der ­georgischen Agentur für Innovation und Technologie (GITA). Mit den nächsten Finanzierungsrunden hofft Logmind, sein Team aus Datenwissenschaftlern und Software­ingenieuren vergrößern zu können, das in der Schweiz und in Zaridzes Heimatland Georgien verteilt ist.

Der globale Markt für Log-Management wächst derzeit und wird verschiedenen Studien ­zufolge bis 2025 ein Volumen von drei bis vier Milliarden US-$ erreichen. ­Angetrieben wird dies durch die ­Automatisierung von Prozessen, die Verlagerung in die Cloud und die zunehmende Vernetzung von Anwendungen. „Das größte Pro­blem ist, dass diese Lösungen alle das Gleiche tun“, sagt Zaridze. „Sie sind sehr gut, um die Daten zu durch­suchen, die Logdateien zu visualisieren oder manuell basierte Alarmierungen durchzuführen. Vor allem, wenn man über Lösungen auf Unternehmensebene spricht, sind sie aber sehr schwer zu bedienen, und man braucht eine Menge Training, um die Mitarbeiter zu schulen, diese Tools zu benutzen.“ Auf die ­Frage, ob sie es sich vorstellen könnte, noch bei Google zu arbeiten, antwortet sie prompt: „Nein, es ist zu spät!“ Sie lacht: „Ich kann auf keinen Fall zurückgehen!“

Text: Olivia Chang
Fotos: Logmind

Der Artikel erschien in unserer Januar/Februar-Ausgabe 2021 „Innovation & Forschung“.

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