Zwischen Klinik und Start-up

Vom Tiroler Bauernhof über mehrere Studien bis zur Arbeit mit Ministerien und einem eigenen Start-up: Kristina Gugg bewegt sich zwischen vielen Welten gleichzeitig. Die U30-Listmakerin erzählt, wie das zusammenpasst – und warum ihr der Zusammenhalt unter Gründerinnen besonders wichtig ist.

Dass Parodontitis während der Schwangerschaft das Risiko einer Frühgeburt erhöhen kann, wissen die ­wenigsten. Doch die Mundgesundheit ist eng mit dem restlichen Körper verknüpft – mit dem Verdauungssystem, dem Hormonhaushalt, sogar mit der Psyche. Kristina Gugg, Ärztin und Gründerin von Dento Genius Health, fasst es so zusammen: „Mundgesundheit besteht für die meisten aus Zähneputzen, Fluorid und dem Zahnarztbesuch – doch das sind vielleicht gerade mal drei von tausend Puzzleteilen.“ Sie wünscht sich, dass mehr Menschen verstehen, wie all das miteinander zusammenhängt.

Aufgewachsen in Tirol pendelte Gugg früh zwischen dem Hof ihrer Großmutter und Reisen mit ihren ­Eltern (einem Neurochirurgen und späteren Zahnarzt sowie einer Radiologietechnologin) durch Amerika, Asien und Afrika. Nach einem Studium der Radiologietechnologie in Innsbruck und Stationen an der Charité führte ihr Weg über ein Gap Year mit medizinischem Volunteering in Südafrika zum Medizinstudium – zunächst in Ungarn, dann in Krems. Parallel dazu forschte sie unter anderem zu Stammzellen im Kniegelenk und wurde dafür mit dem Young Investigator Award der europäischen Sportmedizin-Gesellschaft ausgezeichnet. „Ich will den Menschen und die Welt verstehen“, sagt Gugg über ihre Entscheidungen. In der Medizin habe sie viele Antworten zu diesen Themen gefunden – aber eben nicht die einzigen. Das erklärt auch, warum sie sich nie auf ein Fachgebiet festgelegt hat.

Heute bewegt sich Gugg zwischen vier Bereichen: der Klinik (wo sie ihre Facharztausbildung absolviert), der Forschung, dem Consulting für private und öffent­liche Organisationen und ihrem eigenen Start-up Dento Genius Health. Was für Außenstehende wie vier unterschiedliche Karrieren wirkt, weist für Gugg viele Pa­rallelen auf: „Ich nehme ein komplexes System, ich breche es für die Leute herunter, und ich versuche, daraus Muster zu erkennen und Lösungen zu finden.“ Ob Patienten­gespräch oder Unternehmensberatung – im Kern, sagt sie, mache sie überall dasselbe, nur mit unterschiedlichem Vokabular. Über ihre Arbeit für ­Ministerien darf Gugg nicht viel verraten, aber sie unterstützt die Behörden etwa beim Aufbau von Struk­turen zwischen Universitäten, Start-ups und dem privaten Sektor. Für ein österreichisches Familienunternehmen berät sie zudem im Bereich Point-of-Care-Gesundheitsversorgung, mit dem Ziel, medizinische Anliegen niederschwelliger in den Alltag zu bringen.

Das ist das, was ich ­jeder Ärztin und jedem Arzt ans Herz lege: Setzt euch ­wirtschaftlich mit den ­Dingen auseinander.

Kristina Gugg

Ihr unternehmerisches Herzstück ist Dento Genius Health, das sie gemeinsam mit dem Zahnmediziner Tim Eichhorn gegründet hat. Das Start-up begleitet Familien von der Schwangerschaft bis zum Schuleintritt ihrer Kinder rund um das Thema Mundgesundheit – über eine App und Produktboxen, die medizinisches Wissen mit entwicklungspsychologischer Begleitung ­verbinden. Der Ansatz: Zähneputzen bei Kleinkindern sei selten ein technisches Problem, sondern vor allem ein Beziehungsthema. Finanziert über mehrere deutsche Gründerstipendien arbeitet das Team aktuell am Fundraising für die nächste Wachstumsphase; eine Expansion in den DACH-Raum ist geplant.

Von ihrer Aufnahme in die U30-Liste erfuhr Gugg eher zufällig – nominiert hatten sie Menschen aus ihrem Netzwerk. Geblieben ist ihr seither vor allem ein Gefühl der Zugehörigkeit: „Es ist richtig, richtig cool, wie offen jeder ist und wie sehr man sich gegenseitig hilft.“ Besonders schätzt sie den Zusammenhalt unter Gründerinnen: Selten habe sie so viele bewundernswerte Frauen erlebt wie seit ihrem Einstieg in die Start-up-Welt – ob in Davos, in Ministerien oder auf Forbes-Veranstaltungen.

Dass Frauen in der Medizin nach wie vor ­häufiger gegen Widerstände ankämpfen müssen als in der jüngeren Gründerszene, hat Gugg selbst erfahren. Den Rückenwind, den sie heute in der Community erlebt, gibt sie weiter: Über Jahre hielt sie Vorträge auf Start-up-Events für Frauen, mit demselben Anliegen – andere Frauen zu ermutigen, sich auszutauschen und gegen­seitig zu unterstützen.

Aus ihrer eigenen Erfahrung als Gründerin ohne wirtschaftliche Vorbildung leitet Gugg einen Rat ab: „Das ist das, was ich jeder Ärztin und jedem Arzt ans Herz lege: Setzt euch wirtschaftlich mit den Dingen auseinander, denn in der Medizin kommt ihr früher oder später ohnehin nicht drumherum.“ Ihr eigener Vorteil sei das Systemwissen aus 13 Jahren Medizin – ein Wissen, das viele Gesundheits-Start-ups erst mühsam von außen zukaufen müssten.

Wo genau sich Gugg in einem Jahr sieht, kann sie selbst nicht sagen – zu viel sei gerade in Bewegung, von der Facharztwahl bis zur Weiterentwicklung des Geschäftsmodells von Dento Genius. „Mein allergrößtes Problem ist einfach mein Zeitproblem“, lacht Gugg. „Mein Tag müsste 72 Stunden haben, das wäre schön.“

Foto: Anna Fichtner

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