NACHHALTIGES RISIKO

Florian Fritsch ist im wahrsten Sinne des Wortes "self-made": Seine Karriere begann er als Rettungssanitäter, heute verwaltet der Deutsche in seinem Family Office eine Milliarde €. Das Geld steckt Fritsch vornehmlich in Immobilien und Tech-Unternehmen. Mit seinem neuesten Projekt Gropyus bringt er die beiden Welten zusammen – denn das Unternehmen will den Wohnbau im Sinne
von Spotify, Tesla und Co denken.

Florian Fritsch ist kein Mensch, der protzt. Vielmehr beschreibt der 42-Jährige seinen durchaus außergewöhnlichen Lebensweg mit einer Selbstverständlichkeit, als würde er ein Kochrezept vorlesen. Beispiele gefällig? Als Rettungssanitäter übernahm Fritsch nach dem Abitur die Abrechnung der Fahrten – und merkte schnell, wie viel Geld dabei bewegt wird. Also gründete er – just, als der Markt liberalisiert wurde – einen privaten Krankentransportdienst. Auf den ersten Krankenwagen folgten weitere, wozu Fritsch nur sagt: „Und dann besaß ich plötzlich ein paar Rettungswägen.“ Direkt danach machte er über die Erweiterung des eigenen Unternehmenssitzes den Schritt in die Immobilienbranche – und sagt wieder nur: „Nach einiger Zeit hatte ich dann halt ­einige Immobilien in meinem Besitz.“ Und auf die Frage, wie es zu seiner Karriere als Rennfahrer kam, antwortet Fritsch: „Ich bin schon immer gerne Auto gefahren.“

Florian Fritsch
... war in seiner Jugend als Feuerwehrmann tätig, bevor er die Ausbildung zum Rettungssanitäter machte. Er gründete ein Unternehmen für private Krankentransporte, stieg ins Immobiliengeschäft ein und investierte früh in Tech-Unternehmen, darunter Delivery Hero. Sein Family Office Fritsch & Co. hat seinen Sitz in Liechtenstein.

Fritsch ist ein Selfmade-Unternehmer in Reinform, der sich mit einem offenbar ausgeprägten Instinkt für neue Geschäftsideen ein Milliardenvermögen aufgebaut hat. Das Interessante dabei (und das hat vielleicht mit der Tatsache zu tun, dass Fritsch nicht gerne protzt): Abseits von absoluten Tech-Insidern ist Florian Fritsch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Dabei war er einer der Ersten in Europa, die in den E-Auto-Hersteller Tesla investierten, und er verdiente als einer der ersten Investoren großes Geld, als Delivery Hero an die Börse ging; das Start-up Relayr führte er 2019 zum Exit um 300 Millionen € an den Rückversicherer Munich Re – und er besitzt zudem ein weit verzweigtes Immobilienportfolio in der DACH-Region. All seine Aktivitäten bündelt Fritsch in seinem Family Office Fritsch & Co. in Liechtenstein, das mittlerweile Assets in Höhe von einer Milliarde € verwaltet. Doch bei seinem neuesten Projekt kann selbst Florian Fritsch nicht mehr schweigen. Denn mit dem Vorarlberger Unternehmen Gropyus (der Name erinnert an den Begründer des Bauhaus-Stils, Walter ­Gropius) glaubt Fritsch, den richtigen Ansatz gefunden zu haben, nicht nur den Holzbau zu industrialisieren, sondern den Wohnbau aus der Sicht eines Tech-Start-ups zu denken. „Gropyus ist das erste Bauunternehmen, das den Bewohner als User ins Zentrum stellt – und nicht unbedingt denjenigen, der uns die Immobilie abkauft“, sagt Fritsch im Exklusiv­interview mit Forbes. Mit einem eigenen „Betriebssystem“ will Gropyus seinen Mietern neben einem Dach über dem Kopf auch eine Vielzahl digitaler Services anbieten. Wie Netflix und Spotify soll Wohnen zum Abo werden – während die Hardware relativ wenig Varianz bietet, findet die Individualisierung dabei über digitale Möglichkeiten statt.

Dazu hat sich Fritsch große Namen aus der deutschen Tech-Szene ins Boot geholt, darunter Delivery-Hero-Mitgründer Markus Fuhrmann. Fritsch selbst ist Mitgründer und Aufsichtsratsvorsitzender, will aber seinen unternehmerischen Geist einbringen. „Ich bin Vollblutunternehmer“, sagt Fritsch, „daher investiere ich auch in neue Ideen.“ Doch wie interpretiert Fritsch seine Rolle als unternehmender Investor? Wie kam es zu seiner unglaublichen Geschichte? Und: Warum kennt ihn niemand?

Obwohl Vorarlberg und seine Bewohner durchaus eine unternehmerische Ader aufweisen, ist das westlichste Bundesland Österreichs keine Hochburg für Tech-Unternehmen. Dass sich Florian Fritsch mit Gropyus dennoch in Dornbirn – unweit seiner Heimat in Vaduz – ansiedelte, war zwar nicht von langer Hand geplant, scheint im Nachhinein aber keine völlig falsche Wahl gewesen zu sein. „Wir hatten ursprünglich nicht vor, unseren Sitz in Österreich zu etablieren. Aber nun sind wir mit unserer Entscheidung sehr zufrieden“, sagt Fritsch. Ausschlaggebend war dabei nicht nur die Tatsache, dass CEO Markus Fuhrmann Österreicher ist, sondern vor allem auch die Beteiligung von Harald Mahrer, Präsident der Wirtschaftskammer Österreich (WKO). Mahrer hält 0,25 % der Anteile am Unternehmen und setzte sich stark dafür ein, dass sich Gropyus statt in Deutschland in Österreich ansiedelt. „Bei Gropyus stimmten für mich die Vision, das Team und das Potenzial. Florian Fritsch und Markus Fuhrmann sind Serienunternehmer, die das alles auch auf den Boden bringen können“, so Mahrer, der keine operative Rolle hat, sich neben strategischen Themen aber auch um das Netzwerk­management kümmert. Einen Interessenkonflikt zu seinen sonstigen Aktivitäten, etwa seinem Amt als Präsident der WKO, sieht Mahrer nicht.

Wirklich neu am Ansatz von Gropyus sind zwei Dinge: Einerseits industrialisiert das Unternehmen den Wohnbau. Dabei geht zwar Varianz verloren – die Umsetzung individueller Wünsche der Kunden bei der Gestaltung der Häuser ist eingeschränkt –, gleichzeitig sinken aber auch die Kosten rapide. Um rund 1.800 € kann das Unternehmen laut eigenen Angaben pro Quadratmeter bauen. „Wir wollen leistbaren Wohnraum schaffen“, so Fritsch. Dabei ist Holz der wesentliche, nachhaltige Baustoff, der wiederum im Ansatz ­eines Fertigteilhauses verarbeitet wird. Bisher war es stets nur möglich, solche Häuser in der Größenordnung von Einfamilienhäusern zu errichten – Gropyus baut jedoch Häuser, die acht oder neun Stockwerke umfassen.

Wirklich ins Schwärmen gerät Fritsch aber, wenn er über das Herzstück des Unternehmens spricht. Denn während bei der Hardware, also dem Gebäude selbst, Varianz verloren geht, findet die Individualisierung der Wohnungen über die Software statt. „So wie bei einem Tesla, bei dem man sich die eigene Spotify-App auf den Bordcomputer spielen kann, werden auch un­sere Mieter über ein Betriebssystem verfügen. Alle Funktionen des Hauses können darüber gesteuert werden“, sagt Fritsch.

Bei Gropyus würden sich Mitarbeiter daher auch dezidiert mit der User Experience beschäftigen. Denn für das Unternehmen sollen neben der Miete auch Services ein relevanter Umsatzteil werden. Ganz im Trend der „Subscription Economy“ denkt Gropyus Wohnen also in einer Art Abo­modell, bei dem die Miete und digitale Angebote in Zukunft als Flat-Fee verrechnet werden könnten. Verkäufe von Wohneinheiten oder ganzen Gebäuden seien nicht undenkbar, so Fritsch, aber nicht der Fokus des Unternehmens. Fritsch selbst investierte rund zehn Millionen € für etwa 36 % der Anteile am Unternehmen, Markus Fuhrmann hält 47 %; ein weiteres Vorstandsmitglied, der Ex-Zalando-CTO Philipp Erler, hält 7 %. Insgesamt betrug die Anschubfinanzierung rund 15 Millionen €, wobei sich das Unternehmen gerade in Gesprächen bezüglich einer größeren Finanzierungsrunde befindet. 2020 wird ein Umsatz von 20 Millionen € erwartet, den Fritsch als „noch nicht weltbewegend“ bezeichnet. Er gibt aber die Prognose, dass Gropyus in drei bis vier Jahren 500.000 Quadratmeter Baufläche pro Jahr errichten wird. „Dann gehen die Umsätze in Milliardenhöhe“, so der 42-Jährige.

Ich bin Vollblutunternehmer. Daher investiere ich auch in neue Ideen.

Neben Mahrer, Fuhrmann und Erler hat Gropyus weitere 180 Mitarbeiter – und das, obwohl die große Kommunikationsoffensive erst ansteht. „Ich finde es cool, ein Unternehmen zu haben, das im Jahr nach der Gründung 20 Millionen € Umsatz macht und 180 Mitarbeiter hat, aber noch keine Website. Und das als Tech-Unternehmen“, lacht Fritsch.

Seinen Karrierestart machte ­Florian Fritsch weit weg vom Unternehmertum – als ­Feuerwehrmann. „Ich habe in der Jugend meine Liebe zur Feuerwehr entdeckt“, schildert er. Später absolvierte der Sohn eines Lehrerpaars eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und baute sich sein erstes Unternehmen auf, just als der Markt für Krankentransporte und Rettungsdienste 1998 liberalisiert wurde. „Das war natürlich gutes Timing“, kommentiert Fritsch heute diesen Schritt. Er expandierte und kaufte weitere Rettungswägen. Seinen Unternehmenssitz richtete er in einer ehemaligen Tankstelle ein, die er günstig mietete – und wo er kleinere Reparaturen wie Ölwechsel gleich selbst übernehmen konnte.

Als dann der Umzug in ein neues Gebäude notwendig wurde, „rutschte“ Fritsch in die Immobilienbranche: „Wir wollten ein neues Gebäude bauen, und haben das selbst gemacht, obwohl ich wenig Erfahrung hatte. Dort habe ich dann Eigentumswohnungen und deren Finanzierung als Investment entdeckt.“ Fritsch baute sich ein Portfolio auf, womit auch sein Vermögen wuchs. Anfang der Nullerjahre kamen Menschen mit Geschäftsideen auf ihn zu, die ihn um Investments baten. Fritsch: „Ich habe dann einen Unternehmer im Bereich Wasserstoff dabei unterstützt, sein Geschäft aufzubauen. Das war zwar nicht sonderlich erfolgreich, aber mich hat diese Frage fasziniert: Wie kann ich mit weniger Emissionen mehr erreichen?“

Fritsch schloss sich mit einigen Freunden zusammen, um die erste Charge Teslas nach Europa liefern zu lassen: „Wir standen an der Ampel und haben die Porsche-Fahrer stehen gelassen – mit E-Autos.“ Er investierte zudem früh in Aktien des US-Autoherstellers. Die Liebe zum Autofahren brachte Fritsch zum Rennsport, wo er schließlich als Fahrer bei der deutschen Tourenwagenmeisterschaft ADAC GT Masters aktiv wurde. Ganz seinem Motto treu bleibend wurde er Teil des Teams „A-Workx Frogreen CO2 neutral“, das versuchte, alle Emissionen, die es produzierte, über Aufforstungen auszugleichen. Doch die Liebe währte nicht lange: Ein Unfall, bei dem Fritsch mit 200 km/h in die Mauer raste, führte dazu, dass er einige Zeit im Koma lag. Das Ereignis stellte eine Zäsur in seinem Leben dar, wie er sagt.

Also fing Fritsch wieder an, zu investieren. Er steckte früh Geld in Delivery Hero und investierte in mehreren Transaktionen insgesamt rund 50 Millionen € in das Unternehmen, das 2017 an die Börse ging. Über seinen VC-Fonds Kalrock, der in London beheimatet ist, unterstützte er auch das Start-up Relayr, das an einer Plattform für Internet-of-Things-(IoT)-Anwendungen baut. 2019 wurde das Start-up für 300 Millionen US-$ an die Munich Re verkauft. Trotz dieser Tätigkeit sieht sich Fritsch nicht als traditionellen Risikokapital­investor: „Ich bin nicht der klassische VC (Venture-Capital-Investor, Anm.) und finde auch, dass viele in der VC-Szene überflüssig sind. Ich habe so viele Leute gesehen, die den Unternehmern keinen Mehrwert bieten – denn auch der Investor hat eine Verantwortung gegenüber dem Unternehmen, das er fördert.“

Während Fritsch all das eher nicht so ­berichtenswert zu finden scheint, sprechen an­dere in den höchsten Tönen vom Deutschen. ­Gropyus-Mitgründer Harald Mahrer sagt etwa, Florian Fritsch sei „ein Unternehmer, wie er im Buche steht“, der „eine visionäre Sichtweise hat wie kaum jemand, den ich kenne“. Und vielleicht fängt Fritsch im Rahmen der Gropyus-­Geschichte ja an, eine Spur mehr zu protzen. Denn wenn man dem Unternehmer und Investor einen Vorwurf machen kann, dann vielleicht, dass er seine Geschichte nicht nutzt, um seine Unternehmen bekannter zu machen. Insbesondere in der B2C-Start-up-Szene sind Gründer oft wahre Aushängeschilder, die auch Erfolg organisieren können – Elon Musk ist vielleicht das schillerndste von vielen Beispielen.

Und nicht unähnlich der Idee von Elon Musk sagt auch Fritsch, dass der rote Faden seines Lebens „Nachhaltigkeit und Risikobereitschaft“ seien. „Ich will zeigen, dass Nachhaltigkeit auch Spaß machen kann“, sagt der 42-Jährige. Und wenn man dann das richtige „Ding“ gefunden habe, sei es Zeit, die Dinge auch anzupacken. „Irgendwann muss man einfach machen“, so Fritsch – und zieht eine Parallele zu seiner Passion, dem Autofahren: „Wenn ich in die Stadt fahre, warte ich nicht, bis alle Ampeln entlang eines Weges grün sind. Wenn eine rote Ampel dabei ist, warte ich einfach – und fahre dann wieder los. Zu viele warten, bis alle Ampeln grün sind.“

Text: Klaus Fiala
Fotos: David Visjnic

Der Artikel erschien in unserer Juli/August-Ausgabe 2020 „Smart Cities“.

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